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Ist Universal Design unsichtbar?  

Thomas Bade, Leiter des Universal Design Instituts, gibt eine Antwort 

Die Philosophie hinter dem Begriff Universal Design stellt den Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen in den Mittelpunkt – unabhängig von Alter, Größe oder Gewicht. HEWI lebt diese Philosophie seit mehr als 40 Jahren. Woher dieser Philosophie stammt und was sie in unserem täglichen Leben bedeutet, skizziert Thomas Bade, Leiter des Universal Design Instituts, in seinem Statement. 

Thomas Bade, Leiter des Universal Design Instituts

Universal Design als Designstrategie in Deutschland entwickelte sich in den letzten 15 Jahren stetig und dennoch zögerlich. Häufig wurde seine Bedeutung im Ausland höher eingeschätzt und bewertet als in Deutschland oder Europa selbst. Dies betrifft insbesondere die asiatischen Länder Japan und Korea. Sie gelten für viele auch heute noch als Vorreiter des Universal Designs. Aus meiner Sicht muss diese Bewertung oder Einschätzung partiell neu bewertet werden.

Dies resultiert auch in bedeutender Weise aus der Bereitschaft oder Notwendigkeit der Industrie, sich mit dem demografischen Wandel auseinanderzusetzen. Hierbei spielen die Faktoren der Umgebungsfelder des lebenslangen Lernens, Leben und Arbeiten, eine zentrale Rolle. 

Wo wird dann aber gutes Universal Design herausragend entwickelt und sichtbar? Bevor wir eine solche Betrachtung beginnen und in die Zukunft schauen, sollten wir dennoch einen Rückblick in die Vergangenheit wagen. 

Woher stammt die Design-Philosophie “Universal Design”? 

Dieser Rückblick muss bei Ron Mace beginnen. Der 1998 verstorbene amerikanische Architekt war es, der den bis heute gültigen Leitsatz des Universal Designs (gemeinsam mit einem Team von Forscherinnen, Architektinnen und Designerinnen) wie folgt formulierte:  

„Universal design is the design of products and environments to be usable by all people, to the greatest extent possible, without the need for adaptation or specialized design.” 

Wichtig ist dabei zu wissen, dass Mace sich bewusst nicht auf Normen und Gesetze bezog. Er wollte eine gestalterische Haltung und ein Bewusstsein erzeugen, die eine selbstbestimmte und unabhängige Lebensführung für möglichst alle Menschen erreichen. 

Warum Universal Design unsichtbar sein sollte

Mace ging mit dieser Forderung über die üblichen DIN-EN-ISO-Bewertungsszenarien hinaus. Ähnlich wie der Soziologe, Planungstheoretiker, Ökonom und Kunsthistoriker Lucius Burckhard (1925–2003) forderte Ron Mace ein unsichtbares Universal Design.  

Selbst körperbehindert, wollte Mace nicht täglich, stündlich, minütlich daran erinnert werden, dass es für ihn nur besondere, spezielle oder besondere Produkte, Zugänge und Architekturen geben sollte. 

Er stellte die bis dato bestehende Sichtweise auf eine fremdbestimmte Lebensweise infrage. Vielleicht schabte diese andere Sichtweise auch von Kassel nach Bad Arolsen. Denn Lucius Burckhard lehrte von 1972 bis 1997 an der Universität Kassel im Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung.  

Und vielleicht wurde HEWI durch die Frage von Burckhard „Was nutzt die schönste Straßenbahn, wenn sie nachts nicht fährt?“ motiviert, nicht in Produkten, sondern vielmehr in Szenarien, Orten und Lebensentwürfen zu denken und zu gestalten. 

Zurück im Hier und Jetzt 

Universal Design schafft Szenarien für das Lernen, die berufliche Bildung und Weiterbildung für wertschätzende und fördernde Arbeitsumgebungen im Homeoffice genauso wie in der Konzernzentrale, ermöglicht ein interkulturelles Miteinander im öffentlichen und privaten Raum, gestaltet das Wohnen von Jung bis Alt mit und spielt seine Stärke im Gesundheits- und Pflegebereich aus. 

Beim bewährten „LifeSystem“, dem Profisystem für die Pflege, werden die Prinzipien des „Universal Design“ längst angewendet. Es skaliert den Maßstab der Gestaltung auf die ganz logische Bezugsgröße: Der Mensch muss es sein.

Wie sich Universal Design in Deutschland und Europa entwickelte

An erster Stelle dieser „First Mover“, dieser grundsätzlichen Universal-Design-Haltung ist sicherlich die Sanitärwirtschaft Deutschlands und Europas zu nennen. Zunächst zögerlich, aber dann immer intensiver, wurde diese Industrie durch demografische Parameter gefordert, sich an den Bedürfnissen nach Ästhetik, Komfort und Sicherheit seiner Kundeninnen orientieren.  

Je nach Firmenkultur und Geschichte wird dies bis heute eher technisch oder ästhetisch interpretiert. HEWI steht auch bei einer objektiv kritischen Betrachtung schlicht für beides – für technische, sichere Ästhetik seiner Produkte in den unterschiedlichsten räumlichen Umfeldern. Für diese nachhaltige Universal-Design-Haltung wurde das Unternehmen HEWI in seiner Gesamtheit mit einer UNIVERSAL DESIGN SPECIAL MENTION 2020 ausgezeichnet. 

 

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die aktuelle Lebenswirklichkeit formuliert nahezu gnadenlos die Herausforderungen für die Zukunft. Orte des Lebens und Arbeitens werden neu gedacht, umgestaltet, digitalisiert und im wahrsten Sinn des Wortes clean.  

Wir werden in Zukunft mit COVID und seinen unangenehmen Angehörigen leben lernen müssen und werden uns hierbei um vermeintliche Kleinigkeiten kümmern. Eine hygienische Ästhetik unserer Lebenswelten wird zu einem der Schlüssel zu einer nachhaltigen und lebenswert orientierten Zukunft werden.  

Es mag sich vermessen anhören. Dennoch. Universal Design wird hierdurch systemrelevant und auch digitaler. Lassen Sie uns dennoch kritisch und wachsam bleiben, denn was nutzt es frei nach Burckhard, wenn die digitalisierte und KI-optimierte Straßenbahn nachts nicht fährt? 

Wo steht Deutschland beim Thema Universal Design im Vergleich zu anderen Ländern?

Wo stehen wir in Deutschland mit unserer Universal-Design-Haltung im Vergleich zu unseren direkten und indirekten Nachbarn? Wie nahezu immer im Mittelfeld? Nun, ich glaube, zumindest im vorderen Mittelfeld.  

Einige Blitzlichter hierzu. Die japanische Industrie bleibt weiter der Benchmark. In nahezu jeder Firmenphilosophie ist Universal Design dort im Firmenkodex der großen Player (z. B. Toyota, Hitachi, Fujitsu, Panasonic) verankert. Auf dem Weg hin zu einer inklusiven Universal-Design-Haltung sind allerdings noch vielfach Hürden im sozialwirtschaftlichen Sektor sichtbar.  

In Südkorea wird auf Dekret des Bürgermeisters der Stadt Seoul mit Macht und Druck und bemerkenswertem Engagement an einer Stadt des Universal Designs gearbeitet. Das Ende des Weges dorthin scheint noch nicht erreicht. Zu sehr gilt es noch, die Definition der stigmatisierenden Barrierefreiheit zu überwinden.  

Universal Design in Russland strahlt aus Moskau aus. Auch hier gibt es sehenswerte Impulse, insbesondere von den in der Hauptstadt ansässigen Selbsthilfegruppen ausgehend. Die derzeitigen politischen Spannungen tragen auch zur Zurückhaltung amerikanischer und westeuropäischer Förderer bei und der Universal-Design-Prozess scheint sich zu verzögern. 

Die amerikanische Universal-Design-Community konzentriert sich derzeit nachvollziehbar auf die Gleichheitsrechte aller Bürgerinnen und die Sicherung der Errungenschaft der „Obama“-Krankenversicherung. 

Norwegen führt die Universal-Design-Bewegung unbestritten und eindeutig an. Hier gilt der gesamtpolitische Konsens, dass in allen Bereichen des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens die Grundsätze einer Universal-Design-Gesellschaft für alle Bürgerinnen bis 2025 umgesetzt sein müssen. Zugegeben, der Abstand hierzu ist für Deutschland nicht klein, aber deutlich reduzierbar, wenn die „First Mover“ wie zum Beispiel HEWI dabei den Lead übernehmen. 

Universal Design sichert wirtschaftliches Wachstum

Zum Schluss eine Bitte und ein Wunsch an die Leserinnen und mitschreibenden Kolleginnen. In der Weimarer Erklärung zum Universal Design wurde 2008 in der zwölften und letzten These formuliert: „universal design sichert und fördert wirtschaftliches Wachstum.“ Diese These wird mit Recht derzeit heftig diskutiert. Vielleicht könnte dieser Diskurs auch bei den folgenden Fachbeiträgen eher wie folgt begleitet werden: „universal design sichert und fördert qualitatives und verantwortungsbewusstes Wachstum.“ 

 

Thomas Bade 

Thomas Bade versteht soziales Unternehmertum als zentrales Element seines Wirkens und engagiert sich seit 15 Jahren für das Ziel, Universal Design in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu verankern. Er ist Mitgründer des universal design e. V., Unterzeichner der Weimarer Erklärung, Lehrbeauftragter an der Technischen Universität München und seit Juli 2016 Geschäftsführer des dortigen Instituts für Universal Design. 

„Universal Design versteht sich aus heutiger Sicht nicht als Übersetzerin oder Anwältin spezifischer Lebensentwürfe, sondern fungiert vielmehr als systemische Gestalterin eines sich immer in Bewegung befindlichen Lebens und Arbeitens.“ 

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