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Hotelzimmer barrierefrei planen

Ein Interview mit Kornelia Grundmann | Inhaberin von gabana, der Agentur für Barrierefreiheit 

Kornelia Grundmann ist Expertin im Bereich der Barrierefreiheit in der Hotellerie und berät die internationale Bau- und Tourismusbranche. Seit ihrer Diagnose Multiple Sklerose ist sie selbst Rollstuhlnutzerin. Wie man Hotelzimmer barrierefrei planen kann, erläutert die Architektin in diesem Interview.  

Kornelia Grundmann - Architektin und Inhaberin von gabana

Barrierefreie Hotelzimmer planen: eine lohnende Investition

HEWI: Was macht für Sie ein gut gestaltetes Hotel aus, gerade im Hinblick auf Barrierefreiheit? 

Kornelia Grundmann: Gut gestaltete Hotels schaffen ein unverwechselbares Ambiente, laden zum Wohlfühlen ein und begeistern ihre Gäste zugleich. Ansprechende und zuverlässige Barrierefreiheit ergänzt dieses facettenreiche Angebot für einladende Gastfreundschaft mit echter Modernität.  

Im Idealfall zeigt ein Hotelzimmer, das optimal auf die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Hotelgasts abgestimmt ist, wie selbstverständlich und attraktiv Barrierefreiheit umgesetzt werden kann. Denn Barrierefreiheit bedeutet mehr als nur die Erfüllung normativer Vorgaben.  

Durchdachte, barrierefreie Gestaltung und Authentizität vermittelt dem Gast das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. Vielmehr noch, es schafft auch die Voraussetzungen dafür, dass sich der Gast wohl und vor allem sicher fühlt.  

 

HEWI: Frau Grundmann, der Fokus Ihrer Beratungen liegt auf der Bau- und Freizeitbranche. Was hat Sie als studierte Architektin und Sachverständige für barrierefreies Bauen bewogen, das Buch „Lust auf Barrierefreiheit” zu schreiben? 

Kornelia Grundmann: Ausschlaggebend waren für mich als Rollstuhlnutzerin die täglichen Erfahrungen mit überflüssigen und unnützen Barrieren im Alltag. Auf Reisen beginnen die Probleme bereits mit der erschwerten Suche nach barrierefreien Hotels.  

Vor Ort stellt man fest, dass nur wenige Hotels eine durchgängige schwellenlose barrierefreie Nutzung ermöglichen. Hinzu kommen die meist lieblos gestalteten Hotelzimmer mit falsch ausgestatteten Badezimmern.  

Da es sich bei Letzteren zweifelsohne um die Achillesferse barrierefreier Hotelzimmer handelt, besteht in puncto barrierefreier Badezimmer noch viel Aufklärungs- und Handlungsbedarf. 

 

HEWI: Worin liegt Ihrer Meinung nach die Problematik?

Kornelia Grundmann: Hier treffen sicherlich mehrere Faktoren zusammen. Barrierefreies Bauen erfordert außer Fachwissen und gesundem Menschenverstand auch noch Empathie für die Bedürfnisse der Menschen im Alter sowie jener mit Mobilitätseinschränkungen.  

Außerdem gilt es beim Bauen für die Hotellerie, feinfühlig die Wünsche der Hoteliers zu berücksichtigen und diese mit den Bedürfnissen der Gäste harmonisch und ästhetisch in Einklang zu bringen.  

Im Klartext bedeutet dies, dass die Badezimmer zwar funktional, dennoch ansprechend ausgestattet sein sollten. Und keineswegs den Charme eines Badezimmers einer Pflegeeinrichtung vermitteln dürfen. Dies gelingt problemlos mit ansprechendem Ambiente und zeitgemäß komfortablen Elementen.

Wie man Hotelzimmer barrierefrei planen kann, so dass sie ästhetisch sind, zeigt das Lighthouse Hotel & Spa beispielhaft 

Hoteliers beispielsweise empfinden die langen WC-Keramiken als besonders störend, da diese jeden Gast schon beim Betreten eines Badezimmers an ein vermeintliches Behindertenbad erinnern. Dabei geht es auch anders. 

Interessant zu dieser Thematik sind die Ergebnisse einer Umfrage bei Rollstuhlnutzern. Auf die Frage, ob sie Wert auf ein langes WC in Hotels legen würden, war das Resultat verblüffend. Alle Befragten bis auf eine Person gaben einvernehmlich an, weder zu Hause noch unterwegs ein langes WC zu benötigen, sie bevorzugten die handelsüblichen Standardgrößen. 

 

HEWI: Welche Chancen bieten sich Hotelbetreibern, wenn sie Barrierefreiheit mehr Bedeutung zukommen lassen? 

Kornelia Grundmann: Die Hotellandschaft ändert sich aktuell massiv. Hoteliers leben nach wie vor von ausgebuchten Zimmern. In den sich rasant wandelnden Zeiten wäre eine zukunftsorientierte, nachhaltige Planung sicher kein Nachteil.  

Was ich damit meine? Wenn es gelänge, den Hotelbetreibern das Marktpotenzial sowie die Vorteile von Universal Design zu vermitteln, könnten weitere Gästegruppen erschlossen werden. Damit würden sich auch Investitionen für Um- oder Neubau schneller amortisieren.  

Als Beispiel zitiere ich Christoph Hochfilzer vom AktivHotel Hochfilzer in Ellmau/Tirol, der es auf den Punkt bringt: „Dass es eine Nachfrage nach barrierefreien Zimmern gibt, wusste ich. Dass diese so groß ist, konnte ich nicht ahnen.“ 

 

HEWI: Wie bewerten Sie das Marktpotenzial von Barrierefreiheit in der Hotellerie?

Kornelia Grundmann: Der Blick aufs große Ganze könnte Architekten, Hoteliers und Bauherren inspirieren, komfortable Barrierefreiheit im Hinblick auf gesellschaftspolitischer Verantwortung sowie unter eigenen wirtschaftlichen Aspekten neu zu betrachten. 

Gemeint sind die steigende Lebenserwartung und die damit verbundenen Ansprüche dieser reisefreudigen Gruppe: Generation 65plus. Eine Generation, die in ihrer Mehrheit finanziell gut bis sehr gut ausgestattet ist und genau weiß, was sie will.  

Diese Gästegruppe erwartet ein Höchstmaß an Komfort, um weiterhin ihre gewohnte Reiselust uneingeschränkt ausleben zu können. In Deutschland leben im Jahr 2020 ca. 18 Mio. Menschen über 65 Jahren, das entspricht etwa der Einwohnerzahlen von London, Barcelona, Berlin und Paris zusammen. Wer diese Gäste begeistert und langfristig gewinnen möchte, der sollte deren individuelle Bedürfnisse und Ansprüche an Komfort im Alter ernst nehmen und berücksichtigen. 

Damit nicht genug. Mit modern gestalteten barrierefreien Hotels werden weitere 8 Mio. Deutsche mit Mobilitäts-, Seh- oder Höreinschränkungen angesprochen, von denen viele gerne reisen würden, gäbe es entsprechende zuverlässige barrierefreie Angebote. 

KORNELIA GRUNDMANN

Kornelia Grundmann studierte in Mainz Architektur. Als beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für barrierefreies Bauen und Inhaberin von gabana, der Agentur für Barrierefreiheit, lebt sie in Ellmau in Tirol (Österreich). Seit ihrer Diagnose Multiple Sklerose ist sie selbst Rollstuhlnutzerin. Frau Grundmann ist Expertin im Bereich der Barrierefreiheit in der Hotellerie und berät die internationale Bau- und Tourismusbranche. 

„Barrierefreies Bauen erfordert außer Fachwissen und gesundem Menschenverstand auch noch Empathie für die Bedürfnisse der Menschen im Alter sowie jener mit Mobilitätseinschränkungen. Im Klartext bedeutet dies, dass die Badezimmer zwar funktional, dennoch ansprechend ausgestattet sein sollten.“

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